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Dienstag, 15. November 2011

Eine Strickgeschichte

Erstaunlich war es für mich festzustellen, daß jeder, der strickt, auch mindestens eine Strickgeschichte zu erzählen hat. Eine ungewöhnliche Begegnung, erstaunliche Ereignisse und dergleichen. Erst am Wochenende saßen meine Oma, meine Tante, meine Mutter und ich in kleiner Runde am Tisch, tranken Tee und zeigten das frisch von der Nadel gefallene, um Tipps, Anregungen und Kritik zu erhalten. Man strebt schließlich immer nach Verbesserung.

Da begannen meine Tante und meine Mutter "Strickgeschichten" zu erzählen. Beides waren Begegnungen während ihrer Schulzeit. Eine Mitschülerin meiner Tante, ein Mädchen aus armen Verhältnissen, deren Mutter Alkoholikerin war, strickte immer. Sie besaß nur wenige gestrickte Kleider. Nach Mode nahm sie sich ein Wochenende frei und machte aus einem Kleid einen Rock, der Pulli änderte sich auch von Mal zu Mal. Immer dieselbe Wolle, die sie dafür verwendete. (Wenn ich mir überlege, wie sehr es viele graut ein fertiges, gefallendes Stück wieder aufzutrennen...) Auch im Unterricht saß das Mädchen ab und an und strickte blind mit den Händen unter dem Tisch. Ihre Noten waren dabei nicht schlecht. Zu dieser Zeit besaß meine Tante einen Pulli in Bordeaux und diese Mitschülerin frug sie, ob sie sich diesen nicht übers Wochenende ausleihen kann. Meine Tante sagte zu und das nächste Mal tauchte diese Mitschülerin mit einem Rock, der mal ein Kleid gewesen ist, und dem Pulli meiner Tante auf, es paßte perfekt! Als der Pulli nach mehreren Wochen noch immer nicht zurück kam, schnappten sich ein paar Freundinnen meiner Tante und hielten das Mädchen fest, während eine ihr den Pulli auszog. Meine Tante selbst hatte sich nicht getraut, sie auf den Pulli anzusprechen, ihn ganz zu überlassen ging auch nicht - "man hatte ja selbst nichts".

Mädchen, die so schnell, sicher und bewußt stricken konnten, waren wohl nicht selten, auch meine Mutter machte solch eine Begegnung, ebenfalls ein Mädchen, das ihre Kleider als Wollknäul benutzte und sie ständig umstrickte, nur um nicht immer dasselbe tragen zu müssen. Meine arme Schneidermutter saß während ihrer Ausbildung nächtelang wach und nähte Aufträge, um wenigstens so das Geld für das karge Essen zu verdienen. - Es gab ja wirklich nichts.

Meine Strickgeschichte ist weniger spannend. Als eine Studentin, die auch Zeit im Zug verbringt, stricke ich auch dort. Meist sind es einfache Sachen, bei denen ich nicht viel zählen muß und das Muster auswendig kenne. Ein Mal saß ich in einem Vierersitz in der Bahn und strickte vor mich hin. In den Vierersitz neben mir setzte sich eine junge Dame (na gut, sie war vielleicht 3-4 Jahre jünger als ich). Sehr genau beobachtete sie mich von der Seite. Nach einigen Minuten stand sie auf und kam rüber. Sie frug, ob sie sich zu mir setzen dürfe. Ja, natürlich. Wenn es sie interessiert, verwehre ich ihr dieses Vergnügen nicht. Als sie mir gegenüber saß, sah sie mir noch genauer auf die Hände. Das ist wirklich das erste Mal, daß mir das passierte.
Dann begann sie zu erzählen. Weinend erzählte sie von ihrer Mutter in Rumänien, die sie schon seit Jahren nicht gesehen hatte, jedoch furchtbar liebt und vermißt. Und jetzt, als sie mich stricken sah, erinnerte es sie an ihre Mutter, die auch immer strickt. Das arme Mädchen tat mir sehr leid. Den Rest der Zugfahrt sprachen wir über die gute Mama in Rumänien...


Vermutlich hat jede Strickerin so ihre Strickgeschichte. Es würde mich freuen, wenn ich sie lesen dürfte... Vielleicht auch bloggen? Oder kommentieren? Ich bin gespannt.

Nun aber ruft das Bett. Gute Nacht liebe Welt.

Eure M.A.

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